Ultralauf beim 45. GutsMuths Rennsteig Lauf

Letztes Wochenende, genauer am Samstag den 20. Mai stand das Highlight des diesjährigen Wettkampfjahres an. Für meinen erster Ultralauf hatte ich mich Mitte letzten Jahres spontan für den Supermarathon beim Rennsteiglauf angemeldet. Bei einem Jahr bis zum Start klangen 73,5 km nicht sehr beeindruckend. Dumm nur das so ein Jahr auch irgendwann um ist. Und nun standen auf einmal 73,5 km an und speziell darauf trainiert habe ich nicht nur nicht, sondern überhaupt nicht. Alles war bis dato auf den Frühjahrsmarathon in Hannover ausgerichtet. Der Rennsteig sollte eigentlich nur mal Just For Fun zum Testen ob Ultraläufe in Form eines Crosslaufes etwas für mich sind herhalten. Weiteste Strecke dieses Jahr war der Hannover Marathon mit seinen 42,2 km. Meine größte Distanz von 60 km war nun auch schon ein Jahr her und damals hier in Halle quasi ohne nennenswerte Höhenmeter. Da kann man sich glaube besser auf einen Ultralauf der auch noch ein paar Höhenmeter hat vorbereiten und dementsprechend war ich schon ein bissel aufgeregt.

Also bin ich am Freitag Nachmittag die ca. 200 km nach Eisenach gefahren und habe mir schon mal meine Startnummer geholt

und bei der berühmten Kloß-Party noch ein paar Kalorien gebunkert. Echt lecker…

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Frisch gestärkt ging es dann nochmal rund 100 km bis zum Ziel, wo ich mir ca. 3,5 km entfernt von Schmiedefeld für die kurze Nacht ein Zimmer in einem Berghotel gebucht hatte.

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Zeitig schlafen ist ja für mich als Nachteule eh problematisch, also waren es rund 4 Stunden Schlaf bis der Wecker 2:20 Uhr klingelte. Fix alles zusammensuchen, ab ins Auto und rüber nach Schmiedefeld wo ich relativ problemlos ein paar hundert Meter von der Bushaltestelle einen Parkplatz gefunden habe. Durch das zeitige Erscheinen gleich den ersten vollbesetzten Bus erwischt und um 3:15 Uhr ging es los nach Eisenach zum Start, wo wir um 4:50 Uhr ankamen.

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Punkt 6:00 Uhr ging es dann endlich los und etwas mehr als 2000 Supermarathon Läufer machten sich auf den Weg nach Schmiedefeld. Nach nur rund 2 km ist man dann auch schon raus aus der Stadt und im Grünen. Ich hatte mir den Streckenplan zwar mal kurz angeschaut, aber mir bewusst nichts ausgedruckt oder ähnlich. Hatte also keine Strategie oder Kenntnis wann wo welcher Anstieg zu erwarten war. Ich wollte und habe das einfach alles auf mich zukommen lassen.

Anstiege gesamt 1.874 m
Abstiege gesamt 1.386 m
Höhendifferenz 3.260 m
Höchster Punkt Großer Beerberg (974 m ü NN)
Tiefster Punkt Start Markt Eisenach (215 m ü. NN)

Ziel war unter 7 h, da ich 10,5 km pro Stunde für meinen Trainingsstand als realistisch angesehen habe. Aber auch das wollte ich auf mich zukommen lassen, Hauptsache erst einmal durchkommen bei den vielen Kilometern und Höhenmetern. Und es lief ganz gut und bis zur Hälfte sogar mit 11 km pro Stunde schneller als geplant. Den Puffer hab ich gerne mitgenommen, nach dem Motto langsamer wird’s in der zweiten Hälfte so oder so.

Also war ich laut Uhr nach 3:19 Stunden bei 36,75 km und damit der Hälfte angelangt. Danach wurde es dann wirklich etwas langsamer und ich habe die 11 km pro Stunde nicht mehr halten können, was aber zu erwarten war. Auch der anfängliche Ehrgeiz die Berge und wenn es noch so langsam war laufend zu erklimmen wurde irgendwann über Bord geworfen und ich hab mich der Strategie aller anderen Läufer angeschlossen die Anstiege einfach zügig hoch zuwandern. Das ging ganz gut und die vermeintlich verlorenen Sekunden oder Minuten hat man bergab wieder reingeholt. Die Marathonmarke mit seinen 42,2 km war dann nach 3:49 Stunden erreicht.

Kurz danach gabs dann noch eine kleine Anekdote in Form eines Läufers mit Shirt von den Nietlebener Heideschnucken der vor mir auftauchte. Also dachte ich mir Nietleben, das muss einer aus Halle sein, also mal ansprechen. War natürlich auch so und im Laufe der Zeit stellte sich heraus, das es Sven war, welcher mit meinem „LongRun“ Trainingspartner Frank befreundet ist. Die Welt ist ein Dorf und wir haben dann mehr oder weniger stillschweigend beschlossen den Rest gemeinsam durchzustehen. Nicht die schlechteste Idee, da man zu zweit so das eine oder andere Tief viel einfach überwindet.

Und so sind wir einen Verpflegungspunkt und Anstieg nach dem anderen angelaufen um an selbigen kurz durchzuatmen und Kräfte zu sammeln. Die Verpflegung war top. Es gab Getränke in Form von Wasser, Apfelschorle, Cola und irgendwann auch Bier – als auch Essen mit Bananen, Äpfeln, belegten Broten, Haferschleim, belegten Brötchen und einigem mehr.

Die letzten 15 km ziehen sich endlos hin. Gelungene Abwechslung ist einzig, das man die Teilnehmer der 17 km Wanderung einholt, welche einem fleissig Applaudieren und zureden. Das schafft zumindest Ablenkung und motiviert. Aber irgendwann war es dann endlich soweit, das schönste Ziel der Welt – Schmiedefeld lag vor uns und gemeinsam ging es über die langersehnte Ziellinie

6:46:52

Strecke geschafft, Höhenmeter geschafft und Zeitziel deutlich geschafft – was für ein Lauf.

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Zusammenfassend war es super Sven unterwegs getroffen zu haben. Zu zweit geht einiges einfacher. Interessanterweise gab es dieses mal mental überhaupt kein Problem. Nicht wie in Hannover wo es bei km 30 vor allem mental völlig aus war. Sicherlich auch, da man interessanterweise trotz der Länge nie völlig alleine ist. Ich habe die ganze Zeit immer Läufer vor und/oder hinter mir gesehen. Es war weniger einsam als in Hannover bei einem Stadtmarathon, glaubt man kaum. Am Rennsteig waren es eher die körperlichen Anstrengungen die irgendwann zu Buche geschlagen haben. Die letzten km tat bergab laufen extrem in den Waden weh. Da hat man sich gefreut wenn es mal eben oder gar bergauf ging. Dann hatte ich so ein bis zweimal etwas Probleme mit dem Kreislauf, wo mir etwas „schwummrig“ wurde. Das ließ sich ganz gut mit viel Cola und etwas Essen an den Verpflegungspunkten „beheben“. Da muss ich unbedingt auf eine Zufuhrstrategie von Gelen oder ähnlichem setzen. So ganz ohne scheint bei so einer Anstrengung nicht sehr optimal zu sein. Werde dazu vor allem mal den neuen schwedischen Drink-Mix von Maurten testen, der magenfreundliche Kohlenhydratzufuhr auch unter hoher Belastung verspricht. Davon hatte ja auch der Arne Gabius in Hannover erzählt. Klingt zumindest vielversprechend…

Aber insgesamt lief es problemloser als gedacht und trotz der Distanz halte ich Tempo Marathons in der Stadt für anstrengender, da man dort 3 Stunden am Limit läuft. Auch das Waldlaufen habe ich wohl neu für mich entdeckt. Hatte mir zwar Kopfhörer eingepackt, aber unterwegs nicht eine Sekunde an selbige gedacht oder das Gefühl gehabt es sei langweilig. Doch recht abwechslungsreich mit der wechselnden Umgebung, den anderen Läufern, Wandern, Zuschauern, Verpflegungspunkten, den Bergüberquerungen, markanten Punkten usw.

Samstag und auch Sonntag war ich noch nicht bereit, aber mittlerweile würde ich mich wohl jederzeit wieder für den nächsten Ultralauf anmelden und der Rennsteig im nächsten Jahr wird wohl mit ziemlicher Sicherheit kommen 🙂  Auch der Muskelkater ist nach 3 Tagen wieder völlig verschwunden und die große Blase am Zeh fast verheilt. Ich war auch schon wieder zweimal laufen 🙂

Über kurz oder lang glaube ich sogar, das ich die Marathonläufe auf Bestzeit sein lassen werde und lieber durch die Natur neue Herausforderungen suchen werde.

Da ist er nun mein erster Ultralauf und ich freu mich riesig über die erreichte Zeit und Platzierung. Gesamtplatz 68 von 1672 Männern (bei den Frauen waren dann noch einmal 4 von 393 schneller als ich) – und das Finisher Shirt, welches nur Supermarathonläufer nach dem Finish bekommen ist hart erarbeitet worden. Das wird nicht eines unter den vielen Lauf-Shirts im Schrank.

Die Medaille find ich eher schlicht, aber auch hier zählt vor allem der immaterielle / ideelle Wert

medaille
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Und wenn die ganzen Daten schon mal vorliegen hab ich selbige mal noch in alle denkbaren Splittingzeiten verstatistikt 🙂

10 km Splits:

Split Zeit min/km km/h Anstiege [m] Abstiege [m]
0 -10 km 0:54:05 5:24 11,1 340 60
10 – 20 km 0:53:40 5:22 11,2 295 110
20 – 30 km 0:56:12 5:37 10,7 330 305
30 – 40 km 0:52:22 5:15 11,4 185 170
40 – 50 km 0:58:20 5:51 10,3 255 140
50 – 60 km 0:57:55 5:47 10,4 180 160
60 – 70 km 0:56:38 5:40 10,6 145 210
70 – 73,5 km 0:17:28 4:49 12,5 10 115

Halbmarathon Splits:

Split Zeit min/km km/h Anstiege [m] Abstiege [m]
0 -21,1 km 1:54:11 5:25 11,1 605 190
21,1 – 42,2 km 1:54:37 5:26 11,0 525 510
42,2 – 63,6 km 2:04:24 5:54 10,2 480 300
63,6 – 73,5 km 0:51:59 5:10 11,6 50 280

Marathon Splits:

Split Zeit min/km km/h Anstiege [m] Abstiege [m]
0 -42,2 km 3:48:48 5:25 11,1 1220 705
31,3 – 73,5 km 3:56:02 5:36 10,7 775 770

Das war dann also mein erster Ultralauf und Europas größter Crosslauf war definitiv die richtige Wahl dafür. Und auch wenn es weh tat und man irgendwann das Ziel herbeisehnt – es macht Spaß, ist eine Herausforderung der ganz anderen Art und es besteht definitiv Wiederholungsgefahr…

Teilschuld trifft sicherlich auch die ganze Organisation und das Umfeld des Laufes. Die Ehrenamtlichen an den Verpflegungspunkten, Mitarbeiter, Polizei, Teilnehmer, Busfahrern usw. haben nicht nur ihren Job gemacht, sondern es herrscht eine allgemeine Freundlichkeit und Atmosphäre, wo sich so manches Stadtevent eine Scheibe abschneiden kann. Selbst in Schmiedefeld im quasi vermutlich jährlichem Super Gau alles bestens. Und das, wo ein nicht einmal 2000 Seelen Ort von 16.000 Läufern und zusätzlich noch vielen Besuchern förmlich überrannt wird. Die Königsdisziplin mit seinen ca. 2100 Teilnehmern sind ja nur ein Teil der Läufer. Dazu kommen ca. 3200 Marathonläufer, ca. 7700 Halbmarathonläufer, ca. 1300 Wanderer, ca. 800 Nordic Walker und ca. 1300 Crossläufer – welche alle in anderen Orten starten und nach Schmiedefeld strömen. Einfach nur Wahnsinn und besten Dank für die tolle Organisation.

Das nächste Ziel ist nun mit dem Herbstmarathon in Brüssel am 1. Oktober zu schauen, was bei meiner Marathonzeit noch zu machen ist. Ich gebe mir noch maximal 3 Versuche die 2:45 h anzugreifen und danach steht eigentlich schon fest, werde ich die PB Jagd auf der Marathonstrecke sein lassen. Es gibt schönere und stressfreiere Läufe. Für die Zeitjagd reichen auch die Unterdistanzen bis zum Halbmarathon, wo das Training etwas weniger zeitaufwendig und körperlich schonender ist.

Quellen und Links:
Ergebnisse: mika:timing
Rennsteiglauf: Webseite


Streckenkarte und Höhenprofil vom Veranstalter Rennsteiglauf

1 comment on “Ultralauf beim 45. GutsMuths Rennsteig LaufAdd yours →

  1. Schöner Text! Und die Idee, irgendwann auf Crossläufe zu switchen, ist doch super! Ich hab fantastische Bilder von Gebirgsläufen auf tollen Inseln gesehen. Hammer!

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